Hinter den Kulissen

Was ich mache, wenn mein Gast nach zehn Minuten nur mit Ja und Nein antwortet

Was ich mache, wenn mein Gast nach zehn Minuten nur mit Ja und Nein antwortet KI-Bild
Justin Jernoiu
Justin Jernoiu Veröffentlicht am

Die Frage taucht immer wieder auf, wenn ich erzähle, was ich mache. Was passiert, wenn ein Gast einsilbig ist? Wenn nach zehn Minuten nur Ja und Nein kommen? Die ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht aus eigener Erfahrung. Es ist mir noch nie passiert.

Das Gespräch beginnt nicht erst vor der Kamera

Bevor wir aufnehmen, führen wir ein ausführliches Vorgespräch. Kein kurzes Briefing, sondern ein echtes Gespräch über Ablauf, Themen und Erwartungen. In gewissem Sinne findet dabei auch ein Coaching statt - nicht im formellen Sinne, aber der Gast bekommt ein Gefühl dafür, wie eine Unterhaltung vor der Kamera funktioniert, was ich von ihm erwarte und was er von mir erwarten kann.

Wer diesen Schritt mitgemacht hat, startet schon in einem anderen Zustand in die Aufnahme. Die größte Unbekannte - wie das alles ablaufen wird - ist dann schon halb beantwortet.  

Fragen, auf die man nicht mit Ja oder Nein antworten kann

Im Video-Podcast arbeiten wir nicht nach Schema F. Kein fester Fragenkatalog, den ich der Reihe nach abarbeite. Das Gespräch soll sich entwickeln - und genau dafür bin ich zuständig. Meine Aufgabe als Gesprächsführer ist es, Fragen und Konversationsangebote so zu gestalten, dass ein einsilbiges Ja oder Nein gar nicht möglich ist.

Das ist keine Zauberei, sondern Handwerk. Wer fragt "Finden Sie Ihren Beruf interessant?", bekommt ein Ja. Wer fragt "Was war der Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass dieser Beruf wirklich zu Ihnen passt?", bekommt eine Geschichte. Der Unterschied liegt in der Formulierung - und den lerne ich mit jedem Gespräch besser.  

Wenn der Gast mehr redet als nötig

Das andere Extrem gibt es natürlich auch. Manche Gäste sind so redefreudig, dass sie 20 oder 30 Minuten am Stück sprechen können - ohne Pause, ohne Punkt, ohne die Möglichkeit für mich, einzuhaken. Das ist kein Gespräch mehr, das ist ein Monolog.

Auch hier ist meine Aufgabe klar: höflich und unauffällig dazwischen zu kommen, das Thema weiterzuführen oder eine neue Richtung einzuschlagen. Nicht um den Gast zu unterbrechen, sondern um dem Gespräch mehr Spannung und Rhythmus zu geben. Ein gutes Interview lebt von Wechsel und Dynamik - das funktioniert nur, wenn beide sprechen.

Schüchterne Gäste - und warum das kein Problem ist

Und dann gibt es die etwas zurückhaltenderen Gäste. Menschen, die von Natur aus ruhiger sind, vielleicht nicht gewohnt sind, über sich oder ihre Arbeit zu sprechen - und die vor der Kamera zusätzlich unter Beobachtung stehen. Diese Gäste begleite ich intensiver. Das Gespräch wird gezielter geführt, die Fragen sind präziser, die Unterstützung ist spürbarer - aber immer so, dass der Gast es nicht als Druck empfindet.

Was wir dabei immer wieder erleben: Nach den ersten fünf bis zehn Minuten legt sich die Aufregung. Der Gast vergisst die Kamera. Das Gespräch beginnt, sich von selbst zu tragen. Plötzlich ist da ein Fluss - und der Gast spricht über Dinge, die er vorher vielleicht nie für kameratauglich gehalten hätte.

Auch ich bin noch aufgeregt

Ich sage das nicht als leere Beruhigung: Auch ich bin vor jeder Aufnahme noch aufgeregt. Nach mehreren tausend gedrehten Videos. Die Aufregung verschwindet nicht, man lernt nur, mit ihr umzugehen - und sie in Energie umzuwandeln, statt sich von ihr lähmen zu lassen.

Das ist einer der Gründe, warum ich meine Gäste wirklich gut verstehe. Wer zum ersten Mal vor einer Kamera sitzt - und die meisten meiner Gäste sitzen tatsächlich zum ersten Mal vor einer Kamera - der bringt ein ganz besonderes Maß an Mut mit. Das verdient Respekt und Einfühlungsvermögen. Beides ist für mich keine Option, sondern Voraussetzung.

Am Ende sind alle überrascht

Es funktioniert. Jedes Mal. Ohne Ausnahme. Und das Schönste ist die Reaktion nach der Aufnahme: Die meisten Gäste sind mehr als überrascht, wie gut alles gelaufen ist. Wie natürlich das Gespräch wurde. Wie wenig von der anfänglichen Nervosität am Ende noch zu spüren war.

Und die ganz wenigen Menschen, die wirklich sprachscheu sind und sich vor Kameras fürchten? Die melden sich erst gar nicht. Wer sich für einen Video-Podcast entscheidet, hat innerlich schon ja gesagt. Das ist mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Justin

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